Orange Wine: weiße Trauben, vergoren wie Rotwein

Orange Wine bezeichnet einen Wein aus weißen Trauben, der wie ein Rotwein gemeinsam mit den Schalen vergoren wird. Daraus stammen die bernsteinfarbene Tönung, die Tannine und der herbe Ton im Glas. Mit der Frucht Orange hat der Name nichts zu tun.

Das Wesentliche

  • Orange Wine ist weder ein Roséwein noch eine eigene Rebsorte, sondern eine Herstellung: helle Trauben, vergoren samt Haut und Kernen.
  • Die Farbe entsteht aus Farbstoffen der Beerenhaut und reicht von blassgold bis kupfern. Zugesetzt wird nichts.
  • In Georgien ist die Methode seit rund 8000 Jahren belegt, in eingegrabenen Tongefäßen namens Qvevri.
  • Orange Wine, Naturwein, Bio und Biodynamie sind vier verschiedene Angaben. Nur eine davon ist gesetzlich geregelt.

Was Orange Wine bedeutet

Der Begriff beschreibt keine Rebsorte und keine Herkunft, sondern eine Entscheidung im Keller. Weiße Trauben bleiben nach dem Zerdrücken mit ihren festen Bestandteilen im Gärbehälter, statt sofort abgepresst zu werden. Was dabei entsteht, gilt vielen als vierte Weinfarbe neben Weißwein, Roséwein und Rotwein.

Im deutschen Sprachraum stehen mehrere Namen nebeneinander: Orangewein, Bernsteinwein, gelegentlich auch Amphorenwein, wenn das Gefäß gemeint ist. Der englische Ausdruck Orange Wine setzte sich Anfang der 2000er durch, als britische Händler ihn für die Weine aus dem Friaul und aus Slowenien verwendeten. Er benennt allein den Farbeindruck; der Unterschied zu einem klassischen Weißwein liegt nicht in der Rebe, sondern im Keller. Orangen kommen darin nicht vor, und süß ist ein oranger Wein in aller Regel ebenfalls nicht.

Wie ein Orange Wine hergestellt wird

Bei der klassischen Weißweinbereitung presst der Winzer das Lesegut ab, bevor die Gärung beginnt. Der Most steht dann allein im Tank, ohne Kontakt zu den festen Bestandteilen. Genau dieser Schritt fällt hier weg: Die Maische bleibt beisammen, und die Hefen arbeiten mitten in dieser Masse. Das Verfahren entspricht der Maischegärung, die man sonst vom Rotwein kennt, angewendet auf helle Trauben. Die übliche Weißweinbereitung unterscheidet sich davon in einem einzigen, aber entscheidenden Eingriff.

Als Behälter dient nicht immer Ton. Manche Betriebe produzieren mit modernen Methoden in Holzfässern oder in Edelstahl und erzielen dasselbe Ergebnis. Die georgischen Amphoren bleiben jedoch das Sinnbild: eiförmige Tongefäße von mehreren hundert Litern, die bis zum Hals in der Erde stecken und den Inhalt ohne Kühltechnik auf gleichmäßiger Temperatur halten. Die UNESCO nahm dieses Handwerk 2013 in die Liste des immateriellen Kulturerbes auf. Ein Winzer in Österreich oder an der Mosel verwendet heute meist Holz und erreicht damit einen ähnlichen Stil.

Wie lange bleibt der Most auf den Schalen?

Die Standzeit reicht von wenigen Tagen bis über mehrere Monate, und sie bestimmt fast alles am fertigen Wein. Vier bis sieben Tage ergeben einen zarten Ton und einen leichten Kupferschimmer. Mehrere Wochen bringen Struktur und deutliche Adstringenz. Sechs Monate und mehr, wie sie im Friaul bei Ribolla Gialla üblich sind, führen zu tiefer Farbe und einem Gerüst, das an einen leichten Rotwein erinnert.

Farbe, Tannine und Geschmack

Die Färbung entsteht durch Farbstoffe, die beim Kontakt mit der Schale in die Flüssigkeit wandern. Sie ist deshalb kein Zeichen von Alter oder Fehler, sondern die direkte Folge der Standzeit. Zur Farbe im Glas tritt eine zweite Eigenart: messbare Tannine, die ein hell ausgebauter Wein sonst kaum enthält. Sie sorgen für Griff am Gaumen und für eine Bitternote, die viele beim ersten Schluck verblüfft. Die Säure bleibt erhalten und macht den Wein trotz seiner Struktur beweglich.

Im Geruch dominieren selten frische Fruchtnoten. Häufiger sind Quitte, getrocknete Aprikose, Honig, Walnuss, schwarzer Tee, Orangenschale oder eine leicht oxidative, beinahe wilde Anmutung, weil die Luftzufuhr während der langen Standzeit größer ist als bei geschützt ausgebauten Weißweinen. In solchen Weinen wirken die Gerbstoffe deshalb eher wie in leichten Rotweinen als in klassischen Weißweinen, und mit den Jahren entstehen komplexe Aromen, die sich im Glas noch verändern.

Schmeckt Orange Wine wie Weißwein oder wie Rotwein?

Weder noch, und das erklärt einen Teil seines Rufes. Die Säurestruktur stammt von hellen Trauben, das Tanningerüst vom Rotweinverfahren. Wer einen frischen Silvaner erwartet, wird irritiert, und wer einen Rotwein erwartet, vermisst die Fülle. Die folgende Tabelle ordnet die vier Kategorien nach dem einzigen Kriterium, das sie trennt.

Kategorie Lesegut Zeit auf der Maische Tannine
Weißweinhelle Traubenkeine oder wenige Stundenkaum messbar
Roséweindunkles Lesegutzwei bis vierundzwanzig Stundengering
Orange Winehelle TraubenTage bis Monatedeutlich
Rotweindunkles LesegutTage bis Wochenhoch

Orange Wine, Naturwein, Bio und Biodynamie

Diese vier Angaben stehen oft nebeneinander auf demselben Etikett, und sie meinen vier verschiedene Dinge. Die Abgrenzung lohnt sich, denn nur eine davon ist gesetzlich definiert und wird kontrolliert.

Bio ist geregelt. Die EU-Öko-Verordnung schreibt seit dem Jahrgang 2012 auch die Kellerarbeit vor, nicht mehr nur den Anbau, und erlaubt die Bezeichnung Bio-Wein samt EU-Logo. Kontrollstellen prüfen die Betriebe jährlich, in Deutschland wie in ganz Europa. Der ökologische Anbau beginnt dabei bereits im Weinberg.

Biodynamie ist es nicht. Sie geht auf einen Vorlesungszyklus von Rudolf Steiner aus dem Jahr 1924 zurück und wird von privaten Verbänden wie Demeter oder Biodyvin vergeben, deren Regelwerke strenger ausfallen als die Bio-Vorgaben und zusätzlich Präparate sowie Mondrhythmen einbeziehen.

Naturwein hat in der EU keine rechtliche Definition. Gemeint sind üblicherweise Weine ohne Zusätze, mit spontaner Gärung und mit sehr wenig oder gar keinem Schwefel. Wie viel Schwefelung ein Betrieb einsetzt, lässt sich am Etikett selten ablesen; die Angabe erfolgt auf eigene Rechnung.

Ist jeder Orange Wine ein Naturwein?

Nein. Das Verfahren sagt nichts zum Anbau und nichts zu Zusätzen aus. Es gibt konventionell erzeugte Vertreter aus großen Kellereien ebenso wie zertifizierte Bio-Weingüter, die klassisch abpressen. Die beiden Begriffe treffen sich häufig, weil dieselbe Szene sie voranbringt, decken sich aber nicht. Naturweine sind beispielsweise oft, jedoch nicht immer, auf der Maische vergoren.

Rebsorten und Anbaugebiete

Grundsätzlich eignet sich jede helle Sorte, doch einige liefern deutlich mehr Substanz. Ribolla Gialla aus dem Collio gilt als Klassiker, ebenso Pinot Grigio, hierzulande Grauburgunder genannt, dessen rötlich gefärbte Schale schon nach kurzer Standzeit einen kräftigen Ton ergibt. Auch Sauvignon Blanc, Malvasia, Chardonnay und die georgische Rkatsiteli werden so ausgebaut. Welche Rebsorten sich wofür eignen, hängt vor allem von der Dicke und dem Aromenvorrat der Haut ab.

Das Zentrum liegt im Nordosten Italien, im Friaul und im angrenzenden slowenischen Brda, wo Josko Gravner und Stanko Radikon die Methode seit den 1990ern wieder aufgegriffen haben. Dazu kommen Istrien in Kroatien, Kachetien in Georgien, einzelne Betriebe in der Schweiz sowie eine wachsende Zahl von Weingütern im deutschen Weinbau, etwa in der Pfalz und in Rheinhessen. Wer eine Amphore einsetzt, lässt sie meist eigens in Georgien fertigen.

Warum Orange Wine im Trend liegt

Zwei Entwicklungen treffen hier aufeinander. Die eine ist der Wunsch nach einem Weinstil, der sich von der glatten, technisch sauberen Ware der 1990er absetzt; die andere ist die Neugier auf alte Verfahren, die lange als überholt galten. Wer bewusst genießen will, findet in dieser Kategorie beides: einen Wein mit Geschichte und einen, der schmeckt wie kein anderer im Regal. Neue Betriebe finden hier einen Zugang, den ein weißer Wein aus dem Stahltank nicht bietet.

Die Mengen bleiben klein. Gemessen an dem, was auf der Welt produziert wird, handelt es sich um eine Nische, die vor allem in der Gastronomie und im Fachhandel sichtbar wird. Wer einen ersten Eindruck sucht, greift am besten zu einem Wein mit kurzer Standzeit; die kompromisslosen Vertreter mit vielen Monaten auf der Maische verändern die Erwartung so stark, dass sie als Einstieg selten funktionieren.

Trinktemperatur und Speisen

Zu kalt serviert wirkt ein solcher Wein hart, weil die Kälte die Gerbstoffe betont. Zwölf bis vierzehn Grad sind ein guter Ausgangspunkt, also kühl, aber nicht aus dem Kühlschrank. Ein bauchiges Glas hilft, weil die Aromen Luft brauchen; junge, sehr strukturierte Flaschen profitieren sogar vom Dekantieren.

Wozu passt Orange Wine?

Sein Gerüst trägt Gerichte, an denen ein heller Wein scheitert: gereifter Hartkäse, Räucherfisch, Lamm mit Kräutern, Kichererbsen, gebratenes Gemüse mit Kreuzkümmel. Besonders gut funktioniert er zur würzigen nordafrikanischen und zur indischen Küche, deren Gewürze einen fruchtbetonten Begleiter schnell aus dem Gleichgewicht bringen. Weitere Grundregeln zur Kombination von Wein und Speisen gelten auch hier.

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